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Elektromobilität und autonomes Fahren

Auswirkungen auf die Händlernetze der Zukunft

— 14. März 2017 —

Zwei Entwicklungen werden die Mobilität und in der Folge auch die Handels- und Servicelandschaft deutlich verändern: Fahrzeuge mit Elektroantrieb und selbstfahrende Autos.

Elektromobilität
Eine weltweit übertragene Show, Schlangen vor den Stores und 400.000 Vorbestellungen innerhalb eines Monats – die Präsentation des neuen voll elektrischen Tesla Model 3 Anfang April war ein riesiger Erfolg. Das Fahrzeug soll Ende 2017 auf den Markt kommen, eine rein elektrische Reichweite von 350 km erreichen und ca. 35.000 Dollar kosten. Auch alle anderen Hersteller arbeiten intensiv an neuen Antriebskonzepten – nicht zuletzt aufgrund des Drucks zur Erreichung der verschärften Flotten-Abgasnormen. Mit der von der Bundesregierung im Juli eingeführten Kaufprämie für Elektroautos wird die Anschaffung nun auch in Deutschland unterstützt, wobei der Preisabstand zu Fahrzeugen mit klassischem Antrieb nach wie vor erheblich ist. Welche Auswirkungen werden diese Entwicklungen auf den Absatz von Elektrofahrzeugen haben? Im Jahr 2015 wurden weltweit ca. 550.000 Elektroautos (voll elektrisch und Plug-in-Hybride) verkauft, davon ca. 188.000 in China, 185.000 in Europa und 115.000 in USA, dies sind insgesamt 0,7% der verkauften Neufahrzeuge. Während der Anteil in Deutschland ebenfalls etwa 0,7% betrug (23.000 Fahrzeuge, davon 12.350 voll elektrisch), liegt er z. B. in Norwegen mit 23% und in den Niederlanden mit 10% auch aufgrund großzügiger staatlicher Förderung deutlich höher. Experten wie Prof. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach rechnen für 2020 mit einem weltweiten Marktanteil an neuen Elektrofahrzeugen von 2,5% - 5% und für 2030 von 15% - 30%. Auf Deutschland bezogen wären dies 75.000 bis 150.000 Neuwagen im Jahr 2020 und 450.000 bis 900.000 im Jahr 2030. Das Szenario für 2030 erscheint für Deutschland im Vergleich mit den bereits heute in anderen Ländern erreichten Zahlen konservativ; eine schnellere Veränderung ist bei verbesserten Reichweiten, einem raschen Ausbau der Ladeinfrastruktur und weiter sinkenden Preisen möglich.

Autonomes Fahren
Die Entwicklung ist weit fortgeschritten: In Kalifornien haben selbstfahrende Google-Autos bereits über 300.000 km auf öffentlichen Straßen zurückgelegt; die Anzahl der Fälle, in denen menschliches Eingreifen erforderlich ist, geht von Jahr zu Jahr zurück und es ist zu erwarten, dass autonomes Fahren trotz der bisherigen und auch weiter zu erwartenden Rückschläge ab 2020 stufenweise in der Praxis realisiert wird. Zunächst auf nicht öffentlichem Gelände (z. B. Werksgeländen, Landwirtschaft, Minen) und in der Folge auch auf öffentlichen Straßen. Damit ergeben sich dramatische Veränderungen für die Mobilität und der mit ihr zusammenhängenden Dienstleistungen:

  • Neue Mobilitätsangebote mit „Pay per Use“ wie z. B. selbstfahrende Taxis (Uber) oder Carsharing (car2go, DriveNow) bieten kostengünstige individuelle Mobilität, die insbesondere in den Großstädten den privaten Autobesitz deutlich verringern wird. Die Unfallraten und daraus folgend die Unfallreparaturen und Krankenhausaufenthalte gehen deutlich zurück mit erheblichen Folgen für Abschleppunternehmen, Karosseriewerkstätten, Krankenhäuser und Versicherungen.
  • Der KFZ-Versicherungsmarkt wandelt sich von einem Markt mit dem Schwerpunkt „Versicherung von individuellen Fahrzeugen“ zu einem Markt zur Abdeckung der Produkthaftpflichtrisiken der OEMs als Hersteller der Steuerungssoftware. Aufgrund des zunehmenden „Pay per Use“ werden die vorhandenen Fahrzeuge deutlich mehr in Bewegung sein und der Bedarf an Parkplätzen geht zurück.
  • Die Fahrer gewinnen Zeit für berufliche oder private Aktivitäten sowie Entertainment während der Fahrt.

Welche Folgen haben beide Entwicklungen für Automobilvertrieb und -service ?
Die dargestellte Entwicklung erstreckt sich bei Betrachtung des gesamten Fahrzeugbestandes über mehrere Jahrzehnte. So werden 2030 voraussichtlich noch über 80% des Fahrzeugbestandes mit Verbrennungsmotoren ausgestattet und nicht selbstfahrend sein. In den darauffolgenden Jahren wird sich dieses Bild jedoch umkehren und es ist damit zu rechnen, dass autonome Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb 2040 auch im Bestand dominant sein werden. Die von nun an jährlich stärker steigenden Absatzzahlen von Elektroautos bringen zahlreiche Veränderungen für Hersteller und Handel mit sich und machen es bereits heute notwendig, sich für die Zukunft aufzustellen:

Die Anforderungen an den Handel werden sich aus Herstellersicht verändern. Deshalb muss die Rolle des Handels im Vertrieb und Service genau definiert werden. Insbesondere ist festzulegen, wie die Ausstattung des Handelsbetriebes (z. B. Elektrotankstellen, IT-Systeme) auszusehen hat und welche Anforderungen sich an die Rollen im Autohaus sowie die Qualifikation der Mitarbeiter ergeben.

Bereits heute ist abzusehen, dass im Servicebereich bestimmte Werkstatt- und Teileumsätze bei Elektroautos wegfallen werden. Hier gilt es genau festzulegen, welche Veränderungen sich für Umsätze sowie Kosten ergeben und welche Auswirkungen dies auf das Geschäftsmodell des Automobilhandels hat.

Die Ausstattung der Autohäuser muss kontinuierlich an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. Es werden beispielsweise Elektrotankstellen oder spezielle Arbeitsplätze in der Werkstatt benötigt. Auf lange Sicht wird man die Kapazitäten in der Werkstatt anpassen oder diese mit neuen Dienstleistungen auslasten müssen.

  • Der Markt für Neufahrzeuge verschiebt sich weiter in Richtung gewerblicher Kunden. Carsharing-Anbieter und sonstige Mobilitätsdienstleister sind Flottenbetreiber – Kosten- / Nutzenabwägungen und die Erfüllung der Anforderungen an Service und professionelle Betreuung stehen im Vordergrund.
  • In Zukunft muss verstärkt Software verkauft und gewartet werden – das Anforderungsprofil an Mitarbeiter in Verkauf und Service verändert sich grundlegend.
  • Der Umsatz im Service dürfte rückläufig sein: Verschleißarme Elektromotoren ohne aufwändige Abgasreinigung reduzieren den Wartungsbedarf und die Anzahl der Unfallreparaturen und die damit verbundenen Erlöse gehen deutlich zurück.
  • Die deutlich anspruchsvollere Technik führt zu einer Stärkung der herstellerverbundenen Werkstätten gegenüber den freien Werkstätten, da nur erstere die sicherheitskritische Wartung für die Selbststeuerung durchführen und die entsprechenden Garantien übernehmen können. Hierzu werden auch die automatisch generierten Empfehlungen der Bordcomputer beitragen.
  • Neu gegründete OEMs wie Tesla sowie Wettbewerber aus anderen Branchen wie vielleicht bald Google oder Apple werden keine herkömmlichen Vertriebsnetze mit unabhängigen Partnern mehr aufbauen – andererseits benötigen auch sie zahlreiche Servicestützpunkte.

Vor diesem Hintergrund der zu erwartenden Veränderungen sollten die Händlernetze bereits heute Maßnahmen einleiten, um sich auf diese Entwicklungen vorzubereiten, z. B.

  • Definition der Hersteller- / Handelsbeziehung für Vertrieb und Service von Elektrofahrzeugen sowie die Ableitung tragfähiger Geschäftsmodelle für den Handel.
  • Entwickeln von individuellen Roadmaps, die Händler in finanzieller und zeitlicher Hinsicht die notwendigen Entwicklungsschritte aufzeigen.
  • Entwickeln und Implementieren von leistungsstarken IT-Systemen, die Hersteller und Handel eine effiziente Abwicklung der „neuen“ Vertriebs- und Serviceprozesse ermöglichen.
  • Anpassen der Vertriebs- und Serviceprozesse auf die neuen Produkte und die Bedürfnisse der neuen Kundengruppen.
  • Aktiver Vertrieb und Aufbau von Servicekompetenz für (teil)autonome bzw. Elektrofahrzeuge.
  • Ausbau des Kundenbeziehungsmanagements zum Verständnis der sich verändernden Kundenbedarfe (u.a. aktive Kundenkontakte, Erfassen und Analysieren von Kundendaten, Unterbreiten von gezielten Angeboten).
  • Kontinuierliches Weiterentwickeln der Mitarbeiter im Verkauf und Service.
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